Charaktere der Tonarten: Eine stilübergreifende Ästhetik
Ein Interview mit Alfred Stenger über sein Buch "Musikalische Landschaften"


Prof. Dr. Christian Thorau und Prof. Dr. Peter Ackermann unterhielten sich mit Dr. Alfred Stenger über dessen neues Buch Ästhetik der Tonarten. Charakterisierung musikalischer Landschaften.
(Erschienen in "Frankfurt in Takt", 7. Jahrgang, 1/2007. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.)

Peter Ackermann: Herr Stenger, es gibt ja bereits eine umfassende Literatur zu den Fragen der Tonartenästhetik. Was hat Sie persönlich dazu motiviert, ein solches Buch zu schreiben?

Alfred Stenger: Die erste Motivation hing mit der Musikpraxis zusammen. Ich erinnere mich an meine Korrepetitorenzeit: Wenn beispielsweise Sängerinnen und Sänger einmal indisponiert zur Probe kamen, habe ich oft Lieder oder Arien tiefer transponiert. Einerseits war es eine Faszination, andererseits habe ich es immer als einen starken Eingriff in das Original empfunden.

Christian Thorau: Warum sagen Sie statt dem geläufigen Begriff Tonartencharakter "Ästhetik der Tonarten" und warum nennen Sie das Ganze eine Charakterisierung von musikalischen Landschaften?

Alfred Stenger: Ästhetik der Tonarten deshalb, weil dieser Titel umgreifender ist. Ich wollte einengende Definitionen umgehen, und da schien mir der Begriff Landschaften angemessen, weil er etwas Bildhaftes ausdrückt.

Ackermann: Gibt es hinsichtlich Ihrer ästhetischen Grundkonzeption oder über diese ästhetische Grundkonzeption hinaus auch praktische Bezugspunkte?

Stenger: Das Buch ist unbedingt auch an den Musikpraktiker gerichtet. Ich habe in einzelnen Abschnitten des Buches direkt praxisbezogene Aspekte mitberücksichtigt. Eine sensible Beschäftigung mit der Tonartenästhetik kann für den Instrumentalisten, Dirigenten, Sänger und für den Pädagogen sehr anregend sein.

Thorau: Sie versuchen ja eine Art von Argumentation zu entwickeln, warum bestimmte Tonarten so und so semantisch besetzt sind. Sie sagen, es ist keine historische Methode, sondern eine ästhetische. Welches sind die Kriterien, mit denen Sie so eine Ästhetik aufbauen?

Stenger: Ich habe mich als sensiblen Beobachter empfunden, der alles Dogmatische meidet. Ich glaube, meine praktische Erfahrung als Liedbegleiter und Dirigent war die Basis, dieses Buch so schreiben zu können. Denken wir zum Beispiel an die Tonart c-Moll, deren Tradition vom Schluss der Matthäuspassion, über Mozarts c-moll-Konzert, Beethoven und Brahms bis zur Trauermusik aus der Götterdämmerung, Mahlers 2. Sinfonie und Schostakowitsch bis zum Requiem von Henze reicht.

Ackermann: Bei aller Konstanz gewisser Ausdruckscharaktere über Jahrhunderte hinweg hat sich ja doch etwas geändert, zum Beispiel der Stimmton. Wir haben ja heute nicht die gleiche Basis von unserem Kammerton her gesehen wie beispielsweise vor 200 Jahren. Wie verträgt sich das denn mit der Tonartenästhetik?

Stenger: Stimmt. Andererseits haben wir unser physikalisches, unser kognitives Bewusstsein mit der Zeit genauso verändert, so dass dieses Tonartenbewusstsein organisch mit einer allgemeinen Veränderung einhergeht.

Thorau: Also muss man die Tonartenästhetik nicht an eine absolute Tonhöhe binden?

Stenger: Nein.

Ackermann: Spätestens mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts, eigentlich schon mit dem Ende des 19. Jahrhunderts ist die Frage der Tonarten ja sehr prekär geworden. Wie sehen Sie mit Blick auf das letzte Jahrhundert die Frage der Tonartenästhetik?

Stenger: Es hat mich sehr überrascht, dass in tonalen Feldern der Avantgarde auch die traditionelle Tonartenästhetik durchleuchtet. Faszinierend ist auch zu beobachten, dass die Tonarten-Landschaften tendenziell für alle Stilbereiche gelten. So weist Summertime im Original einen typischen h-Moll-Klang auf. Und ich glaube, dass etwa Take Five von Dave Brubeck durch die Tonart es-Moll eine ganz bestimmte klangliche Abdunklung erhält.

Thorau: Und vielleicht bis hin in diejenige Neue Musik, die noch tonalorientiert ist. Sie nennen im Buch das Beispiel von Arvo Pärt, nämlich dass auch er weiter über Tonarten nachdenkt?

Stenger: Ich habe ein Gespräch mit Arvo Pärt geführt und habe ihn direkt gefragt. A-Moll ist die zentrale Tonart bei Pärt, er hat mir das bestätigt und wollte sich daraufhin mit dem Buch, besonders dem a-Moll-Kapitel, beschäftigen.

Thorau: Ist das Thema des Buches jetzt für Sie abgeschlossen?

Stenger: Ich würde mir sehr wünschen, diese Thematik als Teamarbeit, etwa in einem Seminar, als Workshop fachübergreifend fortzusetzen, also nicht nur im musikwissenschaftlichen oder musikästhetischen Bereich, sondern auch mit Kollegen der Praxis, des Jazz und des Pop. Das wäre eine runde und lohnende Aufgabe.

Das Buch Ästhetik der Tonarten. Charakterisierung musikalischer Landschaften. mit 360 Seiten und CD (58 Hörbeispiele) von Alfred Stenger ist im Florian-Noetzel-Verlag, Wilhelmshaven, erschienen und kostet 58 Euro (für Studierende 45 Euro; Bestellung über den Autor).

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Statement von Gerhard R. Koch (FAZ), Januar 2007,
über "Ästhetik der Tonarten. Charakterisierungen musikalischer Landschaften.":

Das Gros der Musik in Oper, Konzert und Medien, auch Pädagogik, entstand zwischen spätem achtzehnten und frühem zwanzigsten Jahrhundert, der Epoche der Dur-Moll-Tonalität. Werke, Sätze, Stücke, Abschnitte werden entsprechend durch Tonarten definiert. Mit dem Musik-Denken in den 24 Dur- und Moll-Tonarten erhob sich auch die Frage nach deren "Charakteristik", führte zu Systematisierungsversuchen, ja regelrechten Katalogbildungen. Der Konflikt zwischen Schematisierung und lebendiger Kunsterfahrung war unausweichlich. Wagner immerhin empfand den Tonartencharakter als "Schimäre". Doch die Phänomene bleiben so heikel wie verlockend.
Die jüngste Buchproduktion, Alfred Stengers "Ästhetik der Tonarten" verweist schon im Untertitel "Charakterisierungen musikalischer Landschaften", dass es ihm nicht um Eins zu eins-Auflistungen geht, weder um dogmatische Festlegungen noch um enzyklopädische Vollzähligkeit. Mit großer phänomenologischer Offenheit durchwandert er die "Landschaften" der Tonarten, entdeckt Konstanten wie Analogien, wie sie sich aus intensiver Hör- und Spielpraxis ergeben. Dabei bleibt er im Bild der Landschaft, die zwar unverwechselbar erscheint, deren Eindrücke aber auch durch Person wie Position des Betrachters, wechselnde Licht- und Sichtverhältnisse wechseln. Er versteift sich keineswegs auf orthodoxe Festlegungen im Sinne eines, gar automatischen, Ursache-Wirkung-Schemas: festgelegter Tonartencharakter gleich Wesen des Stückes. Die Vielfalt der Ausprägungen innerhalb einer Sphäre ist ihm wichtiger. Das Buch bietet statt abstrakter Zuordnungen animierende Einsichten, weckt Lust auf Hören und Spielen.